fotos ~ kai
Edinburgh Erfahrungsbericht

Ich habe am Erasmus Austausch Programm nach Edinburgh (Großbritannien) von Oktober 2003 bis Juli 2004 teilgenommen und am Edinburgh College of Art für ein Akademisches Jahr an der Schule für Architektur studiert. Jedem, der in Erwägung zieht, solch ein Austausch nach Edinburgh zu machen, kann ich dieses empfehlen.

Zunächst zum Universitätsbetrieb. Das Studium an der Architektur „Fakultät“ (school of architecture) ist mit dem Architekturstudium der RWTH Aachen nicht zu vergleichen. Das System ist wesentlich verschulter. Man studiert in Edinburgh drei Jahre, bevor man ein ganzes Jahr Praktikum macht. Nach weiteren zwei Jahren Studium ist man dann in der Regel fertig. Besteht man ein Jahr nicht, muss man das Jahr wiederholen.
Das Architekturgebäude ist ein Abbild dieses Systems. Die studios (Arbeitsräume) des ersten Jahres sind im Untergeschoss untergebracht. In diesen studios verbringt man die meiste Zeit des Studiums, da dort gearbeitet und betreut wird. Jeder Student bekommt einen Zeichentisch (A1 bis A0) und hat so seinen festen Platz.
In dem Gebäude zieht man Jahr für Jahr eine Etage hoch, bis man im fünften Jahr schließlich im obersten Geschoss angekommen ist. Die Arbeitsräume sind sehr schön, sie sind gut belichtet und ab dem dritten Jahr hat man einen freien Blick auf das Edinburgh Castle. Jeder Arbeitsplatz verfügt über Steckdosen und Netzwerkanschluss.
Jedem Jahr ist ein Haupt-Tutor zugeordnet, der das Jahr verwaltet. Er hat sein Zimmer auf der jeweiligen Etage. Eine solche Art der Betreuung ist man natürlich von Aachen nicht gewohnt. Mein Tutor, Malcolm Jones, war meist Montag bis Freitag bis zum frühen Abend dort ansprechbar. Es gab zwar feste Betreuungstermine, dazwischen konnte man ihn aber jederzeit konsultieren und mit ihm Zwischenstände besprechen.
Ich wurde dem vierten Jahr zugeteilt, da dies meinem Jahr in Aachen entsprach. Normalerweise kommen Erasmusstudenten in das fünfte Jahr, da man hier eine freiere Auswahl über die Projekte hat, aber in dem Jahr war das fünfte Jahr hoffnungslos überbelegt.
Im vierten Jahr waren ca. 40 Studenten, darunter zwei weitere Erasmus Studenten. Das vierte Jahr behandelt, im Unterschied zum fünften Jahr, ein Projekt über den gesamten Zeitraum. Dieses wird von verschiedenen Seminaren begleitet (Schottische Architekturgeschichte für kulturellen Kontext, Architekturtheorie, Geschichte des genauen Ortes des Projekts etc.). Man wird relativ stark geführt, der Entwurfsprozess wird also geleitet. Der Entwurf ist nach einer sehr freien Anfangsphase, die fast den gesamten ersten Term dauert (und so Platz für Entwurfsbegleitende- und einleitende Seminare schafft), genau gegliedert. Relativ früh sollten erste konstruktive Konzepte erarbeitet werden, die mit Architekten von außerhalb besprochen werden konnten.
Spätestens in der Detailphase unterschied sich die Herangehensweise sehr stark von Aachen. Es wurde weniger auf funktionierende Details geachtet, als auf eine sichtbare Beschäftigung mit der Materialität und Oberflächen des Entwurfs. Da technische Details im gesamten Studium dort scheinbar keine große Rolle spielten, verlangte man auch von den Studenten keine perfekten Lösungen. Durch das praktische Jahr, das dem vierten Jahr voranging, hatten die Studenten natürlich sehr verschiedene Erfahrung, was sich auch hier bemerkbar machte. Großer Wert wurde auch auf die Beschäftigung mit vielseitigen Referenzobjekten gelegt.
Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass großer Gewichtung auf dem Lernprozess, mehr sogar als auf dem Endergebnis lag. Anders als in Aachen wird großer Wert auf Pädagogik gelegt, die Lehrmethoden sind sogar unter jährlicher Kontrolle eines externen Komitees des Architektenverbandes. Mehr als durch Druck durch negative Kritik wurde versucht, durch sehr individuelle Betreuung den Studenten voranzutreiben. Diese im Vergleich sehr milde Lehrmethode hatte natürlich unterschiedlichen Erfolg. Einige Studenten mit sehr geringer Motivation hätten – auch nach eigenen Angaben - mehr Druck gebraucht. Ob das Ergebnis anders ausgefallen wäre, ist eine andere Frage.
Sehr schön war, dass nach Vorlesungen in sowieso schon sehr kleinem Rahmen (nur ein Jahrgang) die Tutoren meist noch zur weiteren Diskussion in den studios zur Verfügung standen.
Relativ regelmäßig fanden Vorlesungen mit Namenhaften Architekten (u.a. Klaus en Kaan, UN Studio, sowie einige schottische Größen) statt, die von Studenten des dritten Jahres organisiert waren. Das dritte Jahr war grundsätzlich für solche Veranstaltungen, wie auch den jährlichen Architekturball und gelegentliche Partys verantwortlich. Ein sehr großer Vorteil des Systems der Jahrgänge war, dass sich, vergleichbar mit Schulklassen, eine relativ enge Gemeinschaft bildet, in die man als zunächst Außenstehender schnell integriert wird. Während ich in Aachen keine starke Integrierung der Erasmusstudenten gesehen habe, vielmehr eine Gruppenbildung gleicher Nationalitäten, gab es zwar in Edinburgh, bedingt durch die vergleichsweise sehr kleine Uni, eine viel stärkere Durchmischung. Von jedem Land gab es maximal drei Studenten, nur ausnahmsweise gab es, mehr durch Zufall, einen weiteren Deutschen. Es bildete sich zwar, vor allem Anfangs, eine Gemeinschaft zwischen allen Erasmusstudenten (es waren insgesamt neun). Einige meiner Kommilitonen waren allerdings sehr aufgeschlossen und interessiert, so dass man auch schnell in die Gemeinschaft der „Klasse“ integriert wurde.
Die Jahrgänge selbst bestanden aus einem guten Drittel Schotten, dem Rest Engländer und Iren und ein paar anderen Nationen.
  Das Edinburgh College of Art - ECA
zum Seitenanfang

Man spürt mehr als deutlich, dass man an einer Kunsthochschule studiert. Ständig sind in den Gängen Kunstwerke der anderen Schulen ausgestellt, Skulptur, Malerei, Grafikdesign, Schmuck und sehr viele andere. Am Ende des Jahres gibt es eine große „degree show“, in denen jeder Student, der in dem Jahr fertig geworden ist, seine Werke ausstellt. Man kann die Kunstwerke kaufen, die Studenten sind in der Woche, die diese Ausstellung dauert, meist bei Ihren Exponaten und beantworten Fragen, meist auch in der Hoffnung auf eine Arbeitsstelle. Spätestens hier lernt man alle Räume und studios der Uni kennen, es ist eine wirklich fantastische Atmosphäre der Kreativität.
Wenige Wochen vor der degree show gibt es eine Modenschau der Schulen für Textil Design, Mode etc., die man ebenfalls auf keinen fall versäumen sollte.
  Bilder von der degree show
zum Seitenanfang


Illustration

Painting

Painting

Sculpture

Tapestry
 

Edinburgh selbst ist eine sehr Kunst- und Kulturinteressierte Stadt. Es gibt viele Galerien, Ausstellungen und Kunstmuseen. Es gibt einige gute Theater, viele gute Konzerte (sowohl klassischer Musik, als auch moderner) und, was ich persönlich am intensivsten genutzt habe, sehr gute Kinos. Das Cameo (home street) und das Filmhouse (lothian road) sind zwei Programmkinos, die ausgezeichnete, hautpsächlich Europäische und viele Asiatische Filme zeigen. Das Filmhouse wechselt das Programm fast täglich. Die Filme sind so gut wie immer im Originalton, ggf. mit Untertiteln. Oft werden sehr alte Klassiker gezeigt. Hin und wieder werden sogar Stummfilme gezeigt, zu denen ein Pianist live musikalisch begleitet.
Architektonisch ist die Stadt ebenfalls interessant. Im achtzehnten Jahrhundert wurden verschiedene Stadtteile zur besseren Erreichbarkeit mit Brücken verbunden, die sich heute nahtlos in die Stadt einfügen. Oft läuft man auf einer Brücke, (meist an den Straßennamen erkennbar, so wie south bridge, north bridge, waverley bridge…) ohne das zunächst zu merken. Einige Häuser haben so zwei Erdgeschosse, was man oft nicht sofort sieht. Nur an wenigen Stellen schaut man auf eine Straße, die gerade unter der Brücke herläuft, es wird die extreme Höhe – oft neun Stockwerke und höher – der sehr alten Häuser sichtbar. Die Geschichte Edinburghs wird in mehreren Seminaren, sowohl im vierten, als auch im fünften Jahr, behandelt.
Ganz in der Nähe des ECA sind die „meadows“, große Wiesen, die vor allem im Sommer sehr belebt sind. Etwas am Rand von Edinburgh, aber immer noch zentral, ca. 25 Minuten zu Fuß vom College, ist ein großer Naturpark (Hollyrood Park) mit einer Anhöhe (Arthurs Seat), von der aus man die ganze Stadt überblickt. Insgesamt ist Edinburgh sehr hügelreich (daher die vielen Brücken), auch die Burg liegt auf einer Felsen mit vulkanischem Ursprung; sie ist ein Orientierungspunkt, der es fast unmöglich macht, sich komplett zu verlaufen.

Die Lebenshaltungskosten sind in Schottland nach London die Höchsten in Großbritannien. Pauschal kann man von ca. 50% höheren Preisen als in Deutschland ausgehen.
Ich bin für die Wohnungssuche zwei Wochen vor Uni Beginn (1. Oktober) nach Edinburgh geflogen. Die Zeit hat ausgereicht, um eine Wohnung zu finden. Zwischenzeitlich bin ich in der Jugendherberge in Bruntsfield untergekommen, die ich empfehlen kann. Für einige Tage, an denen Bruntsfield ausgebucht war, musste ich nach Eglinton bzw. zu einer weiteren, unabhängigen Jugendherberge am Cowgate umziehen. Cowgate war relativ laut, Eglinton etwas zu weit außerhalb. Bruntsfield liegt in einem sowieso sehr schönen Wohnviertel, für die Wohnungssuche also sehr günstig.
Die Mietpreise der Wohnungen waren zu der Zeit zwischen ca. 220 und 300 Pfund für eine Wohnung in einer Wohngemeinschaft. Allerdings sind die Wohnungen in der Regel möbliert, die meisten haben sogar eine Waschmaschine.
Einzig die Mietpreise für Autos sind verhältnismäßig günstig, was häufige Ausflüge in die Highlands möglich macht. Ich habe gute Erfahrungen mit Arnold Clark in Tollcross gemacht (ab 20 Pfund, 250 Meilen inklusive, Vollkasko mit 100 Pfund Selbstbeteiligung, 5 Pfund extra pro Fahrer).
Im Sommer fliegt Germanwings direkt von Köln/Bonn nach Edinburgh, ansonsten fliegt Ryanair von (Frankfurt-)Hahn nach (Glasgow-)Prestwick, wobei Prestwick ungefähr soviel mit Glasgow zu tun hat, wie Hahn mit Frankfurt. Man muss mit dem Zug ca. 2 ½ Stunden von Prestwick nach Edinburgh rechnen. Der Zug kostet ca. 5 Pfund mit Ryanair Ermäßigung. Germanwings hatte zudem den Vorteil, dass sie wesentlich kulanter mit Gepäck-Übergewicht waren.
Projekt erstellt: 29.08.2004
zuletzt bearbeitet: 29.08.2004
Alle Abbildungen © Kai Kasugai (ausser andere Quellenangabe)
Seitenaufbau in 0.11s